Spiel mit dem Feuer - der Werkstattbrand

Der Wind rüttelt an den Fenstern, pfeift um die Hausecke. "Fast wie früher bei uns an der Nordsee", denkt der Meister, "kaum zu glauben, dass vom Klofenster aus die Alpen zu sehen sind". Liebevoll blickt er auf ein altes Schwarzweißfoto: seine Werkstatt auf Sylt: "Ernst Kowalsky, Nähmaschinen & Fahrräder" prangt in offiziellen Lettern auf einem stolzen Schild - und darunter handgemalt: "Reparaturen aller japanischen Motorräder". Vor dem Werkstatteingang er - der Meister im grauen Hausmeisterkittel, daneben Brigitte, seine damalige Verlobte - mit Dauerwelle und modischer Brille. Auf der anderen Seite ein etwas finster dreinblickender Geselle und der Lehrling - mit einer Riesenzange in der Hand - und in der Mitte eine Honda CB750 - eine der ersten auf der Insel.

Das ist lang her - die Erinnerung fast so verblichen wie das Foto.
Meister Ernst hat die Füße hochgelegt, die liegen auf seinem Schreibtisch inmitten eines großen Haufens mit Rechnungen, Mahnungen und Reklame.
Ein Aschenbecher liegt auf dem Tisch der seine Funktion wegen Überfüllung schon lange nicht mehr erfüllen kann - ein Glasaschenbecher mit einem schwarzen Gummirand mit Autoreifenprofil.
An den Wänden hängen vergilbte Poster von Motorrädern der 70er Jahre und ein Schild, das dem offiziellen Schild der Berufsgenossenschaft nachgemacht ist. In großen Buchstaben steht darauf "Der Genuss von Alkohol ist in diesem Betrieb verboten" - und klein darunter: "wir genießen ihn ja nicht, wir verbrauchen ihn".
Laut bullert ein alter Ofen.

Mit einem "Plopp" öffnet der Meister eine neue Flasche Bier. Die zuvor geleerte lässt er, ohne dass ein Blick nötig ist, klirrend in einen Kasten fallen, der an der rechten Seite direkt neben seinem Stuhl steht. Genüsslich zieht er an seiner Zigarette, nimmt einen tiefen Schluck aus der Flasche und murmelt, "das waren noch Zeiten, Jungs!" Dabei wedelt er mit einem alten Motorradheft in Richtung von zwei Gestalten, die gerade an einem alten Motorrad zugange sind. Die beiden haben keinen Blick für seine Zeitschrift, hören kaum auf seine Worte. "Irgendwie muss dieser Scheißtank doch abgehen", sagt der eine. "Nur wie???", antwortet der andere.

Der Meister liest vor aus dem Nürburgring-Test der "neuen" 350er Vierzylinder: "Die Maschine ließ sich klaglos bis weit über 10 000 Umdrehungen bringen", und murmelt dann "ja, Klacks hat sie hart rangenommen, die Kleine". Doch die beiden Hauruckmechaniker haben weder Auge noch Ohr für den Meister. Nun ziehen sie mit vereinten Kräften an dem Motorradtank, der sich immer noch nicht bewegen will.

Die Flasche ist alle. Der Meister lässt sie wieder in den Kasten fallen, greift nach einer neuen, "Mist, schon leer, und die? Auch leer!" Nun riskiert er doch einen Blick und sieht, dass alle Flaschen geleert sind. Er ruft Micha, den Lehrling: "lauf mal schnell rüber nach Erika und hol einen neuen Kasten!" "Zu Erika!" sagt der Lehrling frech. "Erika hat nie zu", entgegnet der Meister und seine grimmige Mine zeigt, dass er ärgerlich ist, "außerdem habe ich Dir schon oft gesagt, Du sollst in ganzen Sätzen Reden!" Der Lehrling lacht: "nein, ich meine, dass es zu Erika heißt!"
"Nichts als Ärger mit den Abiturienten", grollt der Meister und greift nach der Wasserpumpenzange, die auf seinem Schreibtisch liegt und will sie dem Lehrling hinterherwerfen, aber der hat blitzschnell die Gefahr erkannt und ist schon fast draußen. Ein Windstoß fegt in die Werkstatt. Fluchend kann der Meister gerade noch seine ölige Faust auf den Briefstapel pressen, sonst hätte der Wind den Schrebtisch tadellos aufgeräumt.

Der Meister blättert nervös in dem alten Motorradheft, er scheint das Interesse verloren zu haben. Dann greift er zum großen Stapel der Motorradhefte und holt sich ein anderes, auch ziemlich verschlissenes Exemplar: "Frankensteins Tochter - die 900er Kawa - Ernst Leverkus war nicht nur ein guter Motorradtester, sondern auch ein erstklassiger Journalist mit Sinn für Wortspiele" ruft er zu den anderen beiden, die ihm jedoch nicht zuhören. Sie sind ganz rot im Gesicht von der Anstrengung. "Er kommt", ruft der eine, sie verstärken ihre Bemühungen, dann hält der eine auch schon den Tank in der Hand. "Das wurde auch mal Zeit", will er gerade sagen, da sieht er, dass der Benzinschlauch, der die beiden Tankhälften verbindet, bei der Aktion wohl gerissen ist, denn mit breitem Strahl schießt das Benzin heraus.

"Was riecht hier so nach Benzin?" ruft der Meister aus seiner Ecke. "Ach, nichts", rufen die beiden, die versuchen, den Benzinfluss zu stoppen. Die drehen am Benzinhahn, sind aber auf einmal hektisch, merken nicht, er ist schon geschlossen - das Benzin kommt ja aus dem anderen Schlacuh - sie drehen ihn auf RESERVE, immer noch fließt aus dem Ausgleichsschlauch - und nun auch aus dem Benzinschlauch - gurgelnd Benzin auf den Werkstattboden, sucht sich seinen Weg und fließt - in Richtung auf den Ofen.

In diesem Moment kommt der Lehrling mit dem Kasten Bier zurück. Sein Klappern ist schon von weitem zu hören. Dann reißt er die Tür auf. Tata, tata, tata, der Bierkutscher ist da!
Wieder fegt ein Windstoß in die Werkstatt. Der Ofen bullert durch die erneute Sauerstoffzufuhr. Das Holz in ihm knistert und knallt. Einige kleine Stücke fliegen durch die Ofentürritze auf den Boden und verlöschen, doch dann gibt es einen dumpfen Knall. Ein Funke hat wohl seinen Weg bis zum Benzin gefunden - und schon steht ein großer Teil der Werkstatt in Flammen. Die beiden Hauruckmechaniker lassen vor Schreck den Tank fallen. "Feuer!!!" So schnell ist der Meister noch nie von seinem Schreibtisch aufgestanden. Er greift nach dem Feuerlöscher der auf dem Boden liegt und schraubt das Ventil auf. Aber viel kommt da nicht mehr raus. Der Meister realisiert, dass es wohl besser gewesen wäre, ihn nach dem Mähdrescherbrand im Sommer wieder neu aufzufüllen.

Der Lehrling rennt rüber zu Erika in den Laden, die hat einen Feuerlöscher in der Garage. In wenigen Augenblicken ist er zurück, dann zeigt er, was er in der Jugendfeuerwehr gelernt hat. Der Meister trägt seinen Teil dazu bei, öffnet den Hosenschlitz und löscht zischend die letzten kleinen Flammen; dabei murmelt er: "es geht doch nichts über Urintherapie". Die anderen stehen staunend daneben.

"Das ist ja gerade noch mal gut gegangen", sagt er grinsend. Wirr stehen ihm die wenigen Haare zu Berge. "Darauf sollen wir erstmal einen nehmen, das hätte ja richtig schiefgehen können", greift in die Kiste und wirft den beiden Hauruckmechanikern und dem Lehrling eine Flasche zu. "Plopp" machen sie zusammen.

"Fast wie damals auf Sylt", sagt er, als sie sich berappelt haben, "da haben wir mit den Kippen in unserem Mülleimer so einige Hundert Quadratmeter Heide verbrannt".
Damals war auch der Lehrling schuld, hat einfach unseren Müll in die Landschaft gekippt.
Dann setzt er sich wieder an seinen Schreibtisch, legt die Füße hoch.
Er greift sich wieder ein Heft aus dem Stapel "Königswelle - die neue Ducati, ein Juwel aus Italien".
Ja, das waren noch Maschinen.
"Und der Tank?" fragen die Hauruckmechaniker.
"Morgen ist auch noch ein Tag", sagt der Meister, nun ist er ja erstmal ab - dann sehen wir weiter!"

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